viele Pässe, viele Trails – die Schweiz wie sie uns gefällt

Wir lieben Italien, keine Frage: Sonne, Pizza, Wein, tolle Trails, nette Leute. Nur eines fehlt dort: Hochalpine Trails. Um diese zu genießen, fahren wir einmal im Jahr in die Schweiz. Das Zeitfenster ist kurz, nur wenige Wochen im August sind die Wege schneefrei und machen mit dem Bike Spaß.

Mitte August geht es los. Am Abfahrtstag sind wir noch sehr skeptisch: Sturzregen seit 3 Tagen in München und Schnee auf den geplanten Gipfeln. Das kann heiter werden. So packe ich auch eher die Winter-, als die Sommersachen in meine Tasche. Nach kurzen Shoppingstop in Österreich, wo wir uns mit allem notwendigen für die Brotzeiten der kommenden Woche eindecken, erreichen wir unseren ersten Trailspot am Abend.

Tag 1

Auf Grund des Wetters müssen wir schon am ersten Tag unsere Pläne anpassen und fahren direkt zu Trailspot Nummer 2. Bei Regen und ungemütlichen 12 Grad laden wir am Pass die Bikes aus. Regensachen werden ausgepackt und die wasserfesten Handschuhe aus der Tasche gekramt. Wir steigen in den Trail ein und freuen uns darüber, dass wir mit wenig Luft in den Reifen fahren können – Chuck Norris sei Dank. Denn der Trail ist total nass und entsprechend rutschig. Da ist jeder Fitzel Grip hilfreich. Nach kurzem Zwischenanstieg tauchen wir in den Wald ein, der uns über Wurzeln und Spitzkehren nach unten in den Ort führt. Zum Glück hört der Regen von oben auf, als wir unten am Bahnhof auf unseren geliebten Crafter treffen. Somit können wir die erste Brotzeit im Trockenen einnehmen. Gestärkt geht es wieder bergauf. Nach kurzer Kurbelei auf einem Forstweg schultern wir die Bikes und tragen die letzten 500HM durch hochalpine Landschaft auf den Gipfel. Wir treffen einige Wanderer, die uns alle neugierig fragen, wo wir denn mit dem Bikes hinwollen. Man ist hier als Radler doch eher ein Unikum. Hochalpin geht es dann über kurzes Gras und Fels hinab. Je weiter wir hinunter kommen, desto mehr Heide und kleine Büsche finden sich längs des Weges bis wir kurz vor dem Ziel eine Wiesenlandschaft mit Schafen vorfinden. Roland wartet schon mit kalten Getränken und aufgebauten Klappstühlen am Shuttle auf uns, so dass wir sofort auf den erfolgreichen ersten Tag anstoßen können.

Tag 2

Strahlender Sonnenschein weckt uns. Es ist zwar noch ein wenig kühl so früh am morgen, aber der Tag verspricht warm zu werden. So machen wir uns hochmotiviert auf den Weg zum Pass. Schnell sind die Bikes ausgeladen. Ein letzter Luftdruckcheck und los geht es. Fahrt Nummer 1 führt uns vom Pass in südliche Richtung. Die Temperaturen und auch die Landschaft lässt keinen Zweifel daran, dass es nach Süden geht. Locker fließt der Trail dahin, im oberen Bereich am Bach entlang, über Wiesen, durch kleine Waldstücke bis runter in den Ort. Unser zweiter Trail führt uns über Kuhweiden hinab. Der Weg ist insofern herausfordernd, als dass er sich teilweise sehr tief in den Boden eingegraben hat, und immer wieder unvermittelt fiese Grasbüschel auftauchen, die die Fahrt abrupt stoppen.

Tag 3

Los geht es nach dem Frühstück wieder rauf zum Pass. Nach dem Parkplatz heißt es noch ca. 1h tragen. Die Landschaft wird immer schroffer, die Grasbüschel weichen zunehmend dem Fels. Wir passieren einige kleinere Seen, die zu unserer Verwunderung tatsächlich befischt werden. Jochen erklärt uns, dass die Fischer Jungfische in Tüten hochtragen und aussetzen, um sie dann später zu angeln. Die Spinnen, die Angler!

Der Trail führt uns über Fels und dann Wiese bergab. Im oberen Bereich flüssig zu fahren erwartet uns im unteren Bereich wieder die Mischung aus canyonartig eingegrabenem Weg, Grasbüscheln und Kuhmist. Unten erwartet uns Roland, um uns erneut auf den Pass zu bringen. Nun geht es in Richtung Süden. Aber auch jetzt dürfen wir erst noch ein paar Höhenmeter kurbelnd und tragend überwinden. Der Weg zieht sich nur langsam steigend an der Bergflanke entlang, bis er endlich das Gipfelkreuz erreicht, welches hoch über dem Tal trohnt. Sanft abfallend schlängelt sich der Trail am Sonnenhang hinunter. Wir begegnen wieder kaum Wanderern und erreichen unten Roland und den Crafter. Ein schneller Biss ins Brot (danke Roland, dass du uns immer so gut mit Essen versorgt hast!) und schon geht es wieder hinauf. Diesmal geht es in einem der schönsten Täler der gesamten Tour in schneller Fahrt hinunter. So schnell, dass manch einer die plötzlich auftauchenden Steine übersieht. Wir machen einen kurzen Reparaturstopp direkt neben der Bahnlinie. Hier windet sich die Bahn unterirdisch in einer Art Spirale den Berg hinauf. Anja und ich warten darauf, dass die Bahn wieder aus dem Tunnel auftaucht. Leider sind die Jungs mit der Reparatur schneller fertig als die Bahn. Schade. Da müssen wir wohl nochmal wiederkommen. Der letzte Teil des Trails schlängelt sich durch abartig schöne, idlilische Bergwald immer am munter sprudelnden Fluss entlang. Es ist so schön, dass ich immer wieder stehen bleiben muss, um die Bilder einzusaugen. Man könnte meinen, dass ein Landschaftsgärtner alles designed hat. Das zeigt jedoch wieder einmal, dass das schönste Design von der Natur kommt.

Wir machen Feierabend direkt am Fluss und gönnen uns eine Abkühlung. Die untergehende Sonne taucht uns in ein abendliches Rot.

Tag 4

Heute steht ein Highlight auf dem Programm: ein Rundweg rund um den Gletscher. Wir stehen früh auf, um eine der ersten Gondeln zu erwischen. Von der Bergstation müssen wir noch ca. 100HM kurbeln, bis wir den ersten Blick auf den Gletscher erhaschen. Wir schieben die Bikes noch zur Aussichtsplattform hoch. Der Blick ist gigantisch. Unter uns liegen Jahrtausende Naturgeschichte. Es ist aber auch sehr erschreckend zu sehen, wie sich das Eis schon zurückgezogen hat. Die Amis sollten mal herkommen, dann sehen sie schon, dass der Klimawandel keine Lüge ist!

Der Weg führt uns nun in ständigem bergauf und bergab am Gletscher entlang. Immer wieder lassen wir Wanderer passieren – es ist nur Platz für eine Person, rechts geht es steil hinunter. Genau passend erreichen wir eine kleinere Gondel inkl. Brotzeithäusel, die wir dankbar für eine Pause in der Sonne nutzen. Weiter geht es durch Wald in die Schlucht hinab, die am Ende des Gletschers anschließt. Wir queren mehrfach den Gletscherbach und befinden uns dann wieder weit oberhalb des Wassers am Felsrand. Wer Probleme mit ausgesetzten Wegen hat, wird in der Schweiz definitiv nicht glücklich. Wir genießen den Wechsel der Landschaft und die Herausforderungen des Trails. Ein schöner Spitzkehrenabschnitt fordert uns nochmals alle Konzentration ab. Zwei Wanderer freuen sich über diese unerwartete Moutainbikevorführung und verewigen unsere Künste auf ihren Kameras. Endlich erreichen wir das Tal und finden eine Wirtschaft mit Livemusik, wo wir den Tag ausklingen lassen.

Tag 5

Heute stehen zwei Trails auf dem Programm, die sich an alten Handelsrouten über den Pass orientieren. Wir nehmen zunächst den südlichen Teil unter die Stollen. Munter rollt der Trail unter uns erst hochalpin, dann durch Wald und Wiesen und immer wieder an alten Handelsstützpunkten vorbei. Im unteren Bereich taucht er in die Schlucht ein. Wir müssen einige Leitern erklimmen und fahren teilweise auf dem Dach der Straßengallerien entlang. Nach 20km 95% Singletrail erwartet uns Roland am kühlen Bach mit aufgebautem Brotzeittisch. Wir stärken uns für Teil 2 des Tages: den nördlichen Teil des Handelsweges. Dieser ist landschaftlich komplett anders: es geht fast sofort in den Wald, Spitzkehren und ständige Bachquerungen führen uns abwärts. Ein Zwischenanstieg von ca. 300HM, die wir tragend überwinden leitet uns auf den letzten Part, der wieder ausgesetzt am Rande der Schlucht hoch über dem unten sprudelnden Wasser führt.

Tag 6

Ortswechsel Nummer 3: der Wecker klingelt um 5.40 Uhr, denn wir wollen den Zug um 6.52 Uhr nehmen, der uns zu unserem nächsten Ziel führt: Zermatt. Ich bin zum ersten Mal dort und immer noch extrem beeindruckt: Majestätisch trohnt das Matterhorn über dem Tal, umgeben von weiteren Viertausendern. Wir nehmen die Bahn zum Gornergrat. Oben werden wir von Asiaten erst sehr schüchtern beäugt. Dann bricht der Damm und jeder möchte ein Foto von uns, bis wir am Ende umringt von ca. 20 Touristen als Fotomodels herhalten dürfen. Wir nehmen eine technische Abfahrt nach unten. Je nach Können ist hier auch durchaus Tragen angesagt. Peter gibt uns Tipps und vor allem ich höre vermehrt von ihm „tief bleiben“. Immer wieder schweift mein Blick zum Matterhorn. Zum Glück verschafft die Gondel eine Verschnaufpause, bevor wir uns wieder in Richtung Zermatt aufmachen. Der zweite Trail ist wieder flüssig fahrbar, wartet aber mit Spitzkehren und Steilstufen sowie ausgesetzten Stellen wieder anspruchsvoll auf.

Nach einer schönen Einkehr auf der Hütte gehen wir nun den letzten Trail des Tages an, der uns auch konditionell fordert: ca. 400HM gilt es, das Bike zu schultern, um den Höhenweg zu erreichen. Dieser führt uns noch mehrere Kilometer am Abgrund entlang. Schwindelfreiheit ist ein Muss! Bei untergehender Sonne erreichen wir die Hütte, die uns diesmal Unterkunft bietet. Hugo, unser Hüttenwirt empfängt uns freundlich und versorgt uns mit den wichtigsten Infos: ja, es gibt Bier. Licht bis 22h, die Dusche am Ende des Ganges, WC N°1 direkt daneben, WC N°2 auf halber Treppe und Abendessen gibt’s um 19 Uhr. Hugo kredenzt uns als Nachtisch seinen weltberühmten Apfelkuchen. Zu Gast sind neben uns noch ein paar Wanderer und eine große Gruppe Franzosen, die alle 2 Jahre zur Familienreunion hierher kommt. Wir lassen den Abend mit Wein und deutsch-französischen Gesangseinlagen ausklingen.

 

Tag 7

Hüttentypisch geht es früh aus den Federn. Das selbstgemachte Birchermüsli von Hugos Küchencrew sorgt für die notwendige Energie, um den ersten Trail des Tages anzugehen, der uns durch die Schlucht immer entlang des Baches gen Zermatt führt. Unten angekommen treffen wir Björn, unseren Schweizer Kollegen, den wir letztes Jahr am selben Ort kennengelernt haben. Gemeinsam steigen wir in die Bahn, die uns wieder nach oben bringt, um in die nächste Abfahrt in dieser gigantischen Bergwelt zu starten. Wieder sind wir beliebtes Foto- oder auch Videomodel. Anja und ich denken ernsthaft darüber nach, unseren Bürojob in München an den Nagel zu hängen und hauptberuflich Bikemodel für die ganzen asiatischen Touristen zu werden. Ungläubig werden wir gefragt „Do you wanna go down WITH your bike?!“ – Ja, wollen wir!

Das Highlight des Tages – für mich ehrlich gesagt das Highlight der gesamten Woche – bildet der letzte Trail des Tages: Wir starten auf über 3.000müNN und fahren zunächst über den Grad, der nur aus Fels besteht, hinab, bis wir nach gut 700 Tiefenmetern wieder Gras unter den Reifen haben. Anschließend geht der Weg eher flowig über die Wiese und fädelt anschließend auf eine Höhenweg ein, der uns hoch über dem Tal entlang in ständigem Auf und Ab unserem Shuttlebus näher bringt. Noch eine letzte Abfahrt zum Parkplatz durch unzählige Spitzkehren (natürlich erschallt hinter mir Peters „tief bleiben“) und wir erreichen den Crafter und damit das Ende unseres Trips ins Tal von Zermatt. Müde und zufrieden lassen wir uns in die Sitze plumpsen und fahren ins Hotel, wo uns Pizza, Nudeln und ein warmes Bett erwarten.

Tag 8

Der letzte Tag unserer Tour begrüßt uns im Nebel. Über Nacht hat es teilweise sinntflutartig geregnet. Die Wolken hängen noch tief in den Bergen. Mystisch sagen die einen, kalt und nass die anderen. Der Trail schlängelt sich entlang der Bergflanke und verliert zunächst kaum an Höhe. Eine ca. 300HM Tragepassage sorgt für entsprechend hohe Körpertemperatur. Weiter geht der Höhenweg. Bei Sicht von unter 5m fällt der Abgrund, der sich links neben dem Weg auftut, kaum auf. Wir erreichen einen Aussichtspunkt, von dem aus Björn uns „seine“ Berge zeigen möchte. Jedoch sehen wir auch hier mehr Wolken und Nebel als Gipfel und Täler. Endlich zeigt die Tendenz des Trails bergab und schnell näheren wir uns dem Tal und damit auch Sonne und Crafter. Am Parkplatz angekommen zieht es auf und wir können unsere letzte Brotzeit im Sonnenschein einnehmen.

Wir laden die Bikes ein, um zu Teil 2 der Tour aufzubrechen. Roland bringt uns auf der anderen Seite des Tals wieder nach oben. Dieser Trail empfängt uns mit Wurzel gespicktem Waldboden, der meist extrem steil und abhängend bergab führt. Hier ist wieder mal volle Konzentration und – natürlich – „tief bleiben“ gefordert.

Der letzte Anstieg der Tour wird mit der Gondel überwunden. Bevor wir das Finale angehen gibt es noch einen letzten Cappuccino beim Wirt. Der letzte Trail ist flowig und schnell und lässt die Endorphinausschüttung nochmal steigen. Wir erreichen den Crafter und ein letztes Mal heißt es Vorderräder raus, Pedalschuhe an und Räder einladen.

Beim Abendessen machen wir einen Kassensturz: Wir haben an 8 Tagen 28.000 Tiefenmeter, 260km sowie 4.500 Höhenmeter (zu 90% tragend) zurückgelegt. Doch das sind nur die nüchternen Zahlen. Wirklich in Erinnerung bleiben werden uns die grandiosen Ausblicke, die teils karge hochalpine Landschaft, Gletscherspalten, Murmeltiere und asiatische Touristen.